Der Mythos Loreley

“Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.”

(Erich Kästner: Der Handstand auf der Loreley 1932)[i]

„Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen“, eine mythische Gestalt und ein Ort zugleich. Erich Kästner zeigt nur mit diesem ersten Vers Loreleys doppelte Gestalt: Sie ist die sagenumwobene Frauenfigur auf dem Felsen, die „schönste Jungfrau“, wie Heine sie 1924 in seinem Gedicht „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“[ii] betitelt, aber sie ist auch ein Fels am Rhein. Vor der Romantik, genauer vor 1801, war die Loreley einfach nur als Fels bekannt: Loreley – der Fels (Ley, Lay), der nachspricht (lurleien) oder wo es summt oder rauscht (lureln, lörlen)[iii] – sein Echo war im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend eine richtige Attraktion.

Erst 1801 wird die zauberhafte Verführerin geboren oder, besser gesagt, geschrieben. Lore Lay, wie Clemens Brentano[iv] sie in seiner Ballade im Roman „Godwi oder das steinerne Bild der Mutter“ nennt, ist mitnichten eine Sagengestalt aus alter Zeit, sondern eine Gestalt der Romantik. Lore Lay ist wohl mitunter die schillerndste und vielschichtigste Gestalt aller Loreleyen. Sie ist ein frommes, vielleicht sogar bürgerliches Mädchen, das bei dem Bischof als Gottes Stellvertreter Hilfe sucht. Als verführerische Person ist sie verdammt, Männer ins Verderben zu stürzen. Dabei leidet sie selbst unter ihrer Schönheit und unter ihrer Verführungskunst. Lore Lays Zauberkraft ist also passiver Natur. Sie ist sich selbst ihr eigenes Opfer. Darüber hinaus ist der einzige Mann, den sie selbst liebt, nicht in sie verliebt. Sie wünscht sich den Tod auf dem Scheiterhaufen, der ihr aufgrund der Verliebtheit des Bischofs verwehrt wird. Schließlich jedoch verschwindet ihr Körper in den Fluten des Rheins, nachdem sie von einem Felsen stürzt. Zurück bleibt das Echo.[vi]

loreley

Bevor das bekannte Gedicht von Heinrich Heine, vor allem in der Vertonung von Friedrich Silcher, die Loreley als Sagengestalt und als Gegenstand literarischer Betrachtung etabliert, wird der Stoff „Loreley“ von einigen wenigen, jedoch wichtigen Dichtern und Autoren aufgegriffen und sehr verschieden ausgelegt.  Einer von ihnen, Aloys Wilhelm Schreiber [vii], hat mit seinem recht bekannten „Handbuch für Reisende am Rhein von Schafhausen bis Holland, in die schönsten anliegenden Gegenden und an die dortigen Heilquellen“ einen Meilenstein zur Etablierung der Loreley als negative Verführerin erbracht [viii]. Im Gegensatz zu Brentanos ambivalenter Lore Lay als passiver Verführenden und frommem Mädchen ist die Loreley Schreibers eher nixenhaft dargestellt. Sie betört durch ihren Gesang die Schiffer, bis der Rhein sie erfasst und tötet. Gleichzeitig ist sie durchaus auch eine Hilfe für Fischer, da sie ihnen volle Netze beschert.

Eigentlich hat schon Schreiber die Loreley mit all ihren Attributen ausgestattet:

Abends oder bei Mondschein singt eine schöne Jungfrau auf dem Felsen und lockt Schiffer in den Untergang. Lediglich die Haarpflege fehlt, die jedoch bei Otto Heinrich Graf von Loeben [ix] 1821 in seiner Loreleysage aufgegriffen wird.

Wie kommt es also, dass gerade Heines Loreley für die weitere Rezeption und die explosionsartige Verwendung des Stoffs „Loreley“ interessant wird?

Heines Gedicht ist nicht romantisch, sondern eher romantikironisierend. Dabei nutzt er den romantischen Stoff der Loreley, setzt die Handlung allerdings nicht erzählend, sondern vielmehr in kurzen Bildern in Szene und umklammert diesen Stoff geschickt durch ein lyrisches Ich, dass sich an die alte Sage nicht genau erinnern kann. Allerdings wird gerade in der frühen Rezeption diese zweite, tiefere Ebene nicht erfasst, sodass diese einfache, in eingänglichen Bildern gezeichnete Loreleygestalt die Merkmale der heutigen Loreley transportiert [x]. Mit dieser Loreley Heines müssen sich ab 1824 alle Dichter und Autoren, die den Stoff „Loreley“ literarisch aufgreifen, zumindest auseinandersetzen.

Selbst ins 20. und 21. Jahrhundert strahlt die Kraft der Loreley weiter. Einerseits wird dabei zum Beispiel im Nationalsozialismus der Felsen in den Mittelpunkt gerückt, da auf dem „geweihten“, deutschen Boden der Loreley eine Thingstätte erbaut wird. Andererseits wird die Loreley als Sagengestalt, nachdem der Nationalsozialismus diese verschmäht hat, für den Tourismus interessant. So wird gerade durch die Sagengestalt Loreley der Tourismus angetrieben und die Loreley für den Tourismus vermarktet.

[i] Kästner, Erich (1932): Der Handstand auf der Loreley

[ii] Heine, Heinrich (1824): Ich weiß nicht was soll es bedeuten

[iii] vgl. Lentwojt 1998: 40/41

[iv] Brentano, Clemens (1801): Zu Bacharach am Rheine

[vi] Ovid Metamorphosen 3, 356-401

[vii] Schreiber, Aloys (1818/ 1824): Handbuch für Reisende am Rhein von Schafhausen bis Holland, in die schönsten anliegenden Gegenden und an die dortigen Heilquellen

[viii] vgl. Arend 2002: 22

[ix] Otto Heinrich Graf von Loeben (1821): Loreley. Eine Sage vom Rhein.

[x] vgl. Arend 2002: 23

Quellen

Primärquellen

Brentano, Clemens (1801): Zu Bacharach am Rheine. In: Minaty, Wolfgang (1988): Die Loreley. Gedichte – Prosa – Bilder. Ein Lesebuch. Frankfurt am Main: Insel Verlag. S. 25-29.

Heine, Heinrich (1824): Ich weiß nicht was soll es bedeuten. In: Minaty, Wolfgang (1988): Die Loreley. Gedichte – Prosa – Bilder. Ein Lesebuch. Frankfurt am Main: Insel Verlag. S. 45.

Kästner, Erich (1932): Der Handstand auf der Loreley. In: Minaty, Wolfgang (1988): Die Loreley. Gedichte – Prosa – Bilder. Ein Lesebuch. Frankfurt am Main: Insel Verlag. S. 202-203.

Loeben, Otto Heinrich Graf von (1821): Loreley. Eine Sage vom Rhein. In: Urania. Taschenbuch aus dem Jahr 1821. Leibzig: Brockhaus, S. 325-344.

Ovid Metamorphosen 3, 356-401. In: Holzberg, Niklas (2017) (Hg/ Übersetzer): Metamorphosen. Lateinisch – Deutsch. Berlin; Bosten: Walter de Gruyter.

Schreiber, Aloys (1924): Handbuch für Reisende am Rhein von Schafhausen bis Holland, in die schönsten anliegenden Gegenden und an die dortigen Heilquellen. In: https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/1934658, https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/1934659, https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/1934660, letzter Zugriff: 22.05.2018; bzw. 1818: In: Minaty, Wolfgang (1988): Die Loreley. Gedichte – Prosa – Bilder. Ein Lesebuch. Frankfurt am Main: Insel Verlag. S. 34-35.

 

Sekundärquellen

Arend, Helga (2002): Die Loreley – Entwicklung einer literarischen Gestalt zu einem internationalen Mythos. In: Hermes, Liesel; Hirschen, Andrea; Meißner, Iris (Hg): Gender und Interkulturalität. Ausgewählte Beiträge der 3. Fachtagung Frauen-/ Gender-Forschung in Rheinland-Pfalz. Tübingen: Stauffenberg Verlag. S. 19-28.

Lentwojt, Peter (1998): Die Loreley in ihrer Landschaft. Romantische Dichtungsallegorie und Klischee. Frankfurt am Main: Peter Lang (Europäischer Verlag der Wissenschaften).

Dieses Thema wurde bearbeitet von: Pia Jansen.

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